Kurt Jürgen Schmidt

Die gute alte SPD – steht sie am Scheideweg? Oder sogar am Abgrund? Könnte sein. Aber was ist schon ein Abgrund? Ein Hindernis oder eine Möglichkeit? Blühende Landschaften haben keine Abgründe. Alles nur Blumenwiese. Schön gut, könnte man meinen, - aber sonst nichts? Vielleicht doch lieber ein bisschen mehr an Höhen und Tiefen, Geröll und Wüste? Je nach Stimmung würde man sich womöglich entscheiden – wenn man die Wahl hat. Bin ich ein Spielball der Verhältnisse oder sagen wir ein Objekt der Begierde, dann ist es schlecht um mich bestellt. Aber bin ich ein Mensch, meinetwegen ein Subjekt, habe ich die Wahl.

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten erzählt davon, was einem passieren kann, wenn man ausgedient hat. Wenn man zahnlos geworden und keinen richtigen Biss mehr hat. Und davon, dass man leicht in die Pfanne gehauen wird, wenn man kein potenter Hahn  im Korb ist. Aber es gibt was Besseres als den Tod und gemeinsam mit anderen Verstoßenen kann man die schlimmsten Räuberbanden verjagen.

Oder nehmen wir Hamlet. Was einem passieren kann, wenn man auf den Geist seines ermordeten Vaters hör und wie vorgetäuschter Wahnsinn auch nicht immer hilft.

Oder nehmen wir Iwan Zarewitsch und den grauen Wolf, eine berühmte russische Sage, in der ein Stein eine schicksalhafte Rolle spielt. Auf dem Stein steht: Du hast die Wahl. Gehst du nach rechts, so wirst du dein Pferd verlieren. Gehst du nach links, wirst du etwas sehr Wertvolles gewinnen. Gehst du geradeaus, so wirst du dein Leben verlieren. Iwan entscheidet sich für rechts. Sein Pferd von einem großen grauen Wolf getötet. Aber es geht märchenhaft so weiter, dass der böse Wolf zu einem treuen und lebensrettenden Begleiter des Helden wird und am Ende die schöne Prinzessin befreit.

Ganz so märchenhaft werden die anstehenden Wahlen wohl nicht verlaufen. Und ob der große graue Wolf sich tatsächlich wandeln wir, darf bezweifelt werden. Am Ende werden eher alle gefressen. In den ostdeutschen Ländern geht es darum, den demokratischen, freiheitlichen Rechtsstaat zu verteidigen. Darum, ob wir das Blaue vom Himmel versprechen, ob wir zurück zu Hitler marschieren oder der ob wir uns für eine starke demokratische, gemeinwohlorientierte und menschenfreundliche politische Zukunft entscheiden. 

Wahlen stellen Weichen und bestimmen unser Leben – persönlich und gesellschaftlich. Aber demokratisch durchgeführte  Wahlen garantieren noch nicht stabile demokratische Verhältnisse. Das haben die Nazis 1932 vorgemacht. Warum haben so viele Menschen nichts daraus gelernt? Aus masochistischer Lust am Untergang? Aus der Unfähigkeit, die Realität kritisch und differenziert wahrzunehmen? Aus erlebter Kränkung? (Versprochen wurde mir ein besseres Leben, und auch nach 35 Jahren sind meine Vermögensverhältnis immer noch auf demselben Stand!). Natürlich sollte man einem Menschen zuhören, wenn er über ungerechte Lebensbedingungen klagt. Aber durch ständige Wiederholung verfestigt sich nur der kommunikative Graben. Es braucht etwas Neues. Einen Aufbruch. Ich setze auf die junge Generation. Sie macht sich selbst nichts vor und lässt sich auch nichts vormachen. Das lässt hoffen! 

Bei den Kommunalwahlen in vier Wochen geht es nicht um große Weichenstellungen wie in der Landes- und Bundespolitik. Bei Kommunalwahlen geht um Profilierung und Prioritätensetzung. Auch um die Fähigkeit, mit anderen demokratischen Parteien gut zusammenzuarbeiten. Vor allem aber darum, einander respektvoll und von Mensch zu Mensch zu begegnen Demokratie steht und fällt auf kommunaler Ebene. Wo die Menschen zu Hause sind. Wo man sich kennt. 

Qual der Wahl? Warum nicht mal Lust zum Wählen! An der Kasse bei EDEKA kurz vor Ladenschluss. Bin schon durch mit meinem Einkauf. Mist! Hab vergessen den Flaschenbon einzulösen. Ich gehe zurück zur Kasse. Mehrere Jugendliche stehen dort in der Schlange. Ich frage: Hab nur den Bon einzulösen. Darf ich vor? -  Selbstverständlich! - Ich traue meinen Ohren nicht. Und ein anderer: Gerne! Wir haben Zeit. - Ich bedanke mich und, ich weiß gar nicht warum, frage: Seid ihr über sechzehn? Einer von ihnen bestätigt das. Ich sage: Dann kannste mich wählen. - Er fragt nach meinem Namen und sagt: Ich wähle Sie! Und ich: Und ich würde dich wählen! - Er: Mich wählt keiner! - Ich: Doch, ich. Gegenseitig wünschen wir uns noch einen schönen Abend. 

Bienenbüttel, August 2026

 

Kurt Jürgen Schmidt