Kurt Jürgen Schmidt

Die extreme Rechte in Deutschland ist dabei den Begriff Heimat zu besetzen, Er wird von ihr als politischer Kampfbegriff missbraucht, um Vorurteile gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu schüren. Sie fordert, dass diese Menschen in ihre „Heimatländer“ abgeschoben werden. Sie fordert auch die Rückkehr zum Abstammungsprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht. Sie übernimmt damit nationalsozialistisches Gedankengut. Die AfD fordert eine Ausrichtung an einer „deutschen Leitkultur“ und lehnt eine multikulturelle Gesellschaft ab. Sie legt Wert auf den Erhalt von regionalen Traditionen und Bräuchen und ein traditionelles Familienbild (Vater, Mutter, Kind). 

Mit diesem Menschen- und Gesellschaftsbild ist die extreme Rechte in Deutschland eine Gefahr für Zusammenhalt und Frieden in der Gesellschaft. Die führenden Köpfe der AfD und die Mehrheit ihrer Wähler und Wählerinnen leben in einem geschlossenen System, wo sie für andere nicht mehr erreichbar sind. Eine Veränderung der gefestigten politischen Überzeugung kann nicht erwartet werden. Die AfD gefährdet unseren Rechtsstaat. Deshalb ist ihr Verbot dringend geboten. 

Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ich in die Volksschule in meinem Dorf eingeschult. Wir fahren mehr als fünfzig Kinder in der Klasse. Etwa die Hälfte Kinder aus Familien, die geflüchtet (Ostpreußen) oder vertrieben waren (Schlesien). Diese Familien lebten oft in Wohnsituationen, die wir heute als unzumutbar halten würden. Und – obwohl auch Deutsche – sie mussten erleben, dass sie bei vielen unerwünscht waren – und dies zu spüren bekamen. 

 Als Jugendlicher interessierten mich Reisen durch europäische Länder. Auf diesen Reisen habe ich neben wunderbaren und für mich bereichernden Erfahrungen bin ich oft auch Vorurteilen gegenüber mich als Deutschem begegnet. Das war in den 1960er Jahren und die Erinnerung an die Besatzungszeit der deutschen Wehrmacht war bei vielen Menschen in unseren Nachbarländern noch sehr lebendig. 

Dies habe ich vor allem bei Begegnungen in den Niederlanden und in Norwegen zu spüren bekommen. Als Deutscher hatte ich die Kollektivschuld an den Verbrechen der NS-Zeit ganz selbstverständlich übernommen, obwohl mich in meiner Generation keine individuelle Schuld traf. Ich schämte mich, ein Deutscher zu sein. Und ich hatte das Gefühl, dass dies von einigen Menschen in den damals von mir bereisten Ländern auch so gewollt war.

 Nach dem Ende meiner Schulzeit wollte ich nichts wie weg aus meinem Dorf. Zu eng. Zu spießig. Zu langweilig. Zu harmlos. Ich hatte Fernweh. Heimweh kannte ich nicht. In den Ort meiner Kindheit bin ich nur noch gefahren, um meine Mutter zu besuchen. Das war vor 25 Jahren. Wenn ich damals durch den Ort meiner Kindheit gegangen bin, habe ich mich wie ein Fremder gefühlt. Wenn ich das Grab meiner Mutter besuchte, hatte ich das beklommene Gefühl, dass ich auf dem Friedhof mehr Menschen kenne als Lebende im Ort. 

Das hat sich geändert! Meinen ersten Wohnsitz habe ich hier immer behalten. War es die von mir abgewehrte Heimatverbundenheit? In meinem Ruhestand, besonders in den letzten zehn Jahren bin ich zunehmend lieber in den Ort meiner Kindheit zurückgekehrt. Und inzwischen lebe ich tatsächlich die meiste Zeit wieder hier - und fühle mich wohl. Ich setze mich manchmal ins Auto und fahre ohne festen Plan einfach in die nähere Umgebung meines Heimatortes. Ich fahre langsam, damit ich Zeit habe, die – je nach Jahreszeit - grünen, gelb-roten, grauen oder weißen Landschaftsbilder zu betrachten und in meinem Inneren aufzunehmen. 

Ich fühle mich zugehörig und irgendwie geborgen, wenn ich „meine Sprache“ höre, wenn ich unbekannten Menschen begegne, die so sprechen, wie es mir seit früher Kindheit vertraut ist. Dieses abgewandelte Hamburgische, vor allem aber, wenn ich Menschen begegne, die Plattdeutsch miteinander und mit mir sprechen. Ich hatte fast vergessen, wie schön meine Muttersprache ist. 

 Anfang der 1970er Jahre habe ich in den USA eine psychotherapeutische Weiterbildung gemacht. Es war anfangs ein gutes Gefühl, endlich weit weg zu sein. Aber dann erlebte ich eine Veränderung in mir. Satt wachsender Neugier weckte die Konfrontation mit den fremden kulturellen Werten zunehmenden Widerstand und Ablehnung in mir. Darüber sprach ich mit meinem Ausbildungsleiter. Er fragte mich, ob ich Heimweh hätte. Ich antwortete spontan: Heimweh ist mir fremd. Ich kenne nur Fernweh. Aber ich hatte mich getäuscht. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich tatsächlich Heimweh. Während meiner Zeit in den USA erlebte ich täglich den ungebrochenen amerikanischen Nationalstolz, was mich nachhaltig störte. Eines Tages konfrontierte mich mein Ausbildungsleiter damit, dass ich doch stolz sein könne, ein Deutscher zu sein. Nein, ich war es nicht und konnte mir auch nicht vorstellen, es jemals zu sein.

Während meines Studiums leitete ich eine studentische Initiative, die Besuche in der DDR, Polen und der damaligen Tschechoslowakei organisierte. Es waren Begegnungen auf studentischer Ebene. Während der Leipziger Frühjahrs- und Herbstmesse machten wir Besuche in der DDR. Unser „studentischer Reisedienst“ organisierte Reisen auch nach Warschau, Budapest, Moskau und Leningrad. 

In den Winter-Semesterferien 1968 besuchten wir Kommilitonen in Prag. Ich erinnere mich gut an die lebhaften politischen Diskussionen in einem der Prager Kneipenkeller. Wenige Wochen später brach unter Alexander Dubcek der „Prager Frühling“, dessen Ziel es war, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ herbeizuführen. Im August 1968 beendete sowjetische Panzer gewaltsam das Frühlingserwachen.   

Niemand von uns dachte an Wiedervereinigung. Für uns alle war die politische des Sozialismus keineswegs erledigt. Nur den von obenverordneten Staatssozialismus lehnten wir ab. Wir dachten eher an ein „schwedisches Modell“ in Verbindung mit einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz – ein Modell auf der Grundlage eines neuen Entwurfs von Demokratie und Sozialismus: Öffnung der Grenze, Reise- und Meinungsfreiheit und Neutralität. 

Der Fall der Mauer 1989 kam für mich und für viele meiner Freunde völlig überraschend. Wir sahen die Bilder im Fernsehen – und waren perplex. War das, was wir sahen der Zusammenbruch unseres politischen Traums: dem Gegenentwurf zu einem westlichen „demokratischen Kapitalismus“? Hatten wir nicht gehofft, dass sich in der DDR ein überzeugender, „wahrer“ sozialistischer und demokratischer Entwurf Gestalt annehmen könnte? Der Fall der Mauer war für uns eher das Ende unserer sozialistischen Träume. Eine vollkommene Desillusionierung. Wir teilten die Befürchtungen der West-Alliierten, dass ein vereintes Deutschland in der Mitte zu groß, zu stark und bedrohlich sein könnte. 

Willy Brandt dagegen erlebt den Fall der Mauer am 9. November 1989 als Erfüllung eines Politischen Traums. Beim Bauer der Mauer 1961 war er Regierender Bürgermeister von Berlin. Als Bundeskanzler prägte er den Begriff „Wandel durch Annäherung“ (der beiden deutschen Staaten). Die Wiedervereinigung ist inzwischen länger als ein Vierteljahrhundert her. Wie der Wahlkampf angesichts der bevorstehenden Wahlen in drei ostdeutschen Bundesländern zeigt, ist die Trennung in Ost und West noch nicht überwunden. Eher noch hat sich die Spaltung vertieft und verfestigt. 

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst eines neu entfachten Nationalismus, der anstrebt, in den Parlamenten, Regierungen und staatlichen Verwaltungen die Macht zu ergreifen. (Regionale) Heimatverbundenheit wird überlagert mit einem wachsenden Nationalgefühl – genauer: Nationalstolz. 

Die „völkische Bewegung“ innerhalb der extremen politischen Rechten beruft sich gerne auf eine proklamierte deutsche und germanische Tradition. Sie vergisst dabei, dass die germanische Gastfreundschaft – ebenso wie die Gastfreundschaft in allen bedeutenden Kulturen – ein „heiliges Gesetz“ war und eine der höchsten Tugenden. Heute würde man vielleicht von ethisch-moralischer Grundhaltung dem grundlegenden gesellschaftlichen Wertesystem sprechen. Jedem Reisenden – ob bekannt oder fremd – standen Schutz, Essen und Trinken und ein offenes Haus zu. Einen Gast abzuweisen oder zu verletzen galt als Schande. Einem Gast durfte kein Leid geschehen. Gäste erhielten das Beste an Speise and Trank und zum Abschied erhielt der Gast Geschenke. Und selbst ein Feind durfte das Gastrecht beanspruchen. 

In orientalischen Ländern gilt traditionell der Schutz und die Versorgung eines Gastes als heilige Pflicht. In der japanischen Tradition liegt der Fokus auf Achtsamkeit und Rücksichtnahme gegenüber dem Gast. Mögliche Bedürfnisse und Wünsch eines Gastes werden vorauserfüllt. Gastfreundschaft ist eines der ältesten Kulturgüter. 

Die kulturelle Höhe einer Gesellschaft erweist sich an ihrer Fähigkeit, den Anderen und Fremden aufzunehmen und gerade seine Andersartigkeit und Fremdheit zu respektieren und wertzuschätzen. Im alten Griechenland formulierte Platon schon im 4. Jahrhundert vor Christus als Heilige Verpflichtung. Wer gegen das Gastrecht verstößt ist der Rache der Götter anheimgefallen. 

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Einwanderungspolitik und dem traditionellen, kulturell begründetem Gastrecht. Willkommenskultur steht kontrovers zu Abschottungs- und Verweigerungspolitik. Zur Beheimatung eines Fremden beizutragen stiftet gesellschaftlichen Frieden. 

Sozial-psychologisch betrachtet geht es um den Umgang mit der Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen Identität und drohender „Überfremdung“. Gastfreundschaft, Gastrecht und der Begriff Heimat stehen in einem Zusammenhang.  Heimat steht für die Garantie kulturelle Identität und Zugehörigkeit. Sich beheimatet zu fühlen ist ein Glück und ein Segen. Das wissen natürlich insbesondere die Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und flüchten mussten, um ihr Leben zu retten oder endlich ohne Angst leben zu können. Ein sicheres, menschenwürdiges Leben, das auch den Kindern und Kindeskindern eine Zukunftsperspektive eröffnet. 

Das Gastrecht kann primär als Individualrecht verstanden werden. Es steht dafür, dass die Würde des Menschen unverletztlich und absolut schützenswert ist. Liberale Politikerinnen und Politiker wie Hildegard Hamm-Brücher und Gerhart Baum verteidigten dieses humanistische Ideal und Rechtsgut des Individuums. Später ist die FDP leider zu einer Partei geworden, die vor allem Klientelpolitik betrieben hat zum Vorteil einer reichen Elite. 

Anders als das Gastrecht ist das Recht auf Heimat nicht überall ein heiliges Recht. In der Geschichte Israels jedoch wird der Besitz von Land als „gottgegeben“ deklariert und als „heiliges Land“ beansprucht. Aber auch in der jüdischen Tradition wird Land letztlich als von Gott geschenkt  verstanden und nicht als Besitzanspruch. Ich bin davon überzeugt, dass es im Nahen Osten erst dann Frieden geben kann, wenn Israel das ihr von Gott geschenkte Land aufhört, als „ewigen Besitz“ zu deklarieren, sondern als eine von Gott geschenkte Möglichkeit und Pflicht, die „fremden Nachbarn“ nicht als Feinde zu sehen, sondern als Menschen auf der Wanderung durch Zeit und Raum. So wie Israel selbst sich einmal als „wanderndes Gottesvolk“ verstanden hat. 

Ich freue mich, wenn ich Menschen begegne, die als Fremde zu uns gekommen sind und sich bei uns schließlich beheimatet haben. Für mich sind sie eine kulturelle Bereicherung. Vielleicht gerade dadurch, dass sie gleichzeitig auch eine Herausforderung sind, die eigene Identität und Selbstgewissheit immer wieder neu zu begründen. Ich verstehe gut, wenn Menschen, die hier schon lange leben, gut integriert sind und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen trotzdem ihre innere Verbundenheit zur alten Heimat bewahren möchten.

In der jüdischen und christlichen Bibel – also im Alten und Neuen Testament – geht es immer wieder um diese Themen. Zum Beispiel, wenn die alte Weisheit aufgegriffen wird: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Warum? Wenn ich nichts und niemanden mehr brauche habe ich mir schon meinen eigenen Himmel geschaffen. Bleibt nur die Verlustangst. Ich bin davon überzeugt, dass sozialdemokratische und christliche, vor allem evangelische Grundüberzeugungen gut zusammenpassen. Insbesondere bei den Themen Soziale Gerechtigkeit und Frieden. 

Sozialdemokratische und christliche Überzeugungen berühren sich, wenn es um den realistischen und kritischen Blick auf unsere Wirklichkeit geht und um die Hoffnung, etwas dazu beizutragen, eine solidarische Gemeinschaft aller Menschen zu schaffen. Ein Zusammenleben im gegenseitigen Respekt vor dem Anderssein des Anderen und dem Interesse an Teilhabe und der Neugier, durch Begegnung mit dem Fremden eine Bereicherung für das eigene Leben zu erkennen. 

Sozialdemokratische und christliche Überzeugungen berühren sich, wenn es um den Dreiklang von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit geht:

Um Frieden, der damit beginnt, mich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen, in seine Interessen und Sehnsüchte, in seine Ängste und Hoffnungen. Und mich so in dem anderen selbst wiederzuerkennen. 

Um Freiheit, die nicht libertinistisch missverstanden und missbraucht wird,  sondern immer eine Freiheit in Verantwortung gegenüber dem Anderen ist. 

Um Gerechtigkeit, die nicht nur auf Verteilungsgerechtigkeit ausgerichtet ist, sondern ethisch und moralisch begründet ist. Der zynische Spruch: „Wenn alle an sich selber denken, ist allen geholfen“ ist die Perversion von Gerechtigkeit. Vielmehr geht es um die alte Weisheit: „Geteiltes Lied ist halbes Leid und geteiltes Glück ist doppeltes Glück“. 

Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen… wird manchmal zum Geburtstag gesungen. Ich finde, das gilt nicht nur an Geburtstagen und auch nicht nur für Geburtstagskinder, sondern auch für die Menschen, die ihre Heimat verloren haben und darauf hoffen, sich neu beheimaten zu können. Ich denke dabei nicht nur an den Verlust von Heimat durch Krieg und Vertreibung, sondern auch daran, dass es eine innere Heimatlosigkeit gibt. Bis dahin, dass ein Mensch sich selbst verlieren kann. Wir alle sind doch „aus dem Paradies Vertriebene“ und auf der Suche nach Heimat. Welch ein Glück, wenn wir sie gefunden haben. 

 

Bienenbüttel, August 2026

 

Kurt Jürgen Schmidt