Kolumne: Magdeburger Halbkugeln
In meiner Kindheit standen im Keller mehrere Reihen von „Eingemachtem“. In Weckgläsern. Um 1900 gründeten Johann Weck und Georg van Eyck die Firma J.Weck & Co.KG. In der Firmenwerbung: „Seit Generationen vertrauen Menschen auf WECK, weil wir mit unseren Gläsern nicht nur Lebensmittel – sondern auch Werte wie Nachhaltigkeit, Qualität und Tradition bewahren“. Das klingt wie aus einem Wahlprogramm. Füllwörter.
Vierhundert Jahre vorher wurde Otto von Guericke in Magdeburg geboren. Nach der Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg trat er als Festungsbauingnieur in schwedische Dienste. Er nahm an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teil und wurde in Magdeburg zum Bürgermeister gewählt. Er wurde jedoch mehr als Wissenschaftler bekannt. Durch die Begründung der Vakuumtechnik. Guericke legte zwei große Halbkugeln aus Kupfer mit Hilfe einer Dichtung zusammen und pumpte die Luft aus dem Inneren heraus. Acht Pferde vor jeder der beiden Halbkugeln konnten die Halbkugeln nicht auseinanderreißen.Als sie wieder mit Luft gefüllt wurden, fielen sie von allein auseinander. Die von Aristoteles behauptete „Abscheu der Natur vor der Leere (Horror Vacui) war damit widerlegt. Die Natur kennt das Vakuum. Und die sprachlose Leere.
Spätestens seit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt ist den politischen Horror Vacui. Die Halbkugel der demokratischen Parteien und die Halbkugel der anerkannten rechtsextremen AfD. Sie müssen jedoch nicht auseinandergerissen werden, weil sie nicht zusammenpassen. Gegen die Gesetze der Natur bilden sie dennoch ein Horror Vacui. Niemand kann sagen, wie es weitergeht in Magdeburg. Fest steht nur: Es geht ans Eingemachte. Im Keller nicht WECK-Gläser aus der Vorratshaltung der tüchtigen deutschen Hausfrau, sondern die demokratischen Parteien.
Was hat der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt einen so fulminanten Zulauf gebracht? Schon klar: Seit mehr als 35 Jahren sind oder fühlen sich die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern benachteiligt. Ein fortdauerndes Kränkungsgeschehen. Vernachlässigung ist die statistisch häufigste Form der Kindeswohlgefährdung in Deutschland. Sie stellt die Kinder- und Jugendhilfe vor enorme fachliche, strukturelle und emotionale Herausforderungen. Neben der körperlichen und intellektuellen Vernachlässigung ist die emotionale Vernachlässigung durch einen chronischen Mangel an Zuwendung, Geborgenheit und Respekt und durch die Verweigerung von Trost Vernachlässigung wird in der modernen Jugendhilfe vor allem als Ausdruck einer tiefgreifenden Überforderung und Beziehungsstörung gesehen.
Und was kann helfen? Wenn ambulante, niedrigschwellige Hilfen nicht ausreichen greift das Jugendamt zum Schutz des Kindes ein. Könnte es sein, dass die AfD eine ähnliche Schutzaufgabe anbietet? Allerdings nicht zum Wohl und zur Stärkung des Kindes, um im Leben selbst zurecht zu kommen, sondern durch Vormundschaft. Durch andauernde Vormundschaft, die auf alles eine Antwort und eine Lösung hat.
Manchmal passiert es, dass ein Kind sich gegen ständige Bevormundung wehrt. Da möchte man – wie bei der Geburt – Hurra rufen. Endlich! Leicht wird es danach nicht unbedingt. Für niemanden. Aber irgendwann muss man ans Eingemachte, Damit der Horror ein Ende hat und statt leerer Versprechen die Fülle des Lebens wahrgenommen werden kann.
Bienenbüttel, 7. September 2026
Kurt Jürgen Schmidt