Kolumne- Treibsand
Plötzlich versinkt in der Wüste eine ganze Karawane im Treibsand. In der Seemannssprache wird der feinkörnige Sand mancher Sandbänke Mahlsand genannt Dort aufgelaufene Schiffe sinken ein und stecken fest. In manchen Hollywood-Filmen versinken Menschen auf schreckliche Weise im Treibsand. Aber geht das überhaupt: im Treibsand versinken? Jedenfalls braucht es – neben Sand – auch viel Wasser dazu.
Physikalisch geht es darum, dass die Poren der Sandkörner vollständig mit Wasser gefüllt werden. Das kann zum Beispiel an Flussläufen geschehen. Oder wenn Sand frisch aufgeschüttet wurde und die Poren der Sandkörner sich dadurch leicht mit Wasser füllen. Die nur sehr kleinen Poren zwischen den Sandkörnern verhindern den raschen Abfluss der wassergefüllten Poren der Sandkörner. Wenn der Sand aufgrund eines festen Untergrundes nicht abfließen kann, verstärkt sich der physikalische Vorgang noch. Aber Im Treibsand untergehen? Das ist ein Mythos.
In letzter Zeit hört man öfter, dass die DDR für viele auch ein Mythos ist. Immerhin: die DDR hat es real gegeben! Aber die nachträgliche Idealisierung eines Unterdrückerstaates macht aus der DDR einen Mythos.
Wenn man in Treibsand gerät, sorgt panikartiges Strampeln dafür, dass man immer tiefer einsinkt. Durch heftige Bewegung verfestigt sich der Sand um Füße und Unterschenkel. Man steckt fest und ist wie einbetoniert. Allerdings immer nur etwa knietief. Aber das reicht, um sich aus eigener Kraft nicht wieder befreien zu können. Man ist auf Hilfe von außen angewiesen. Manchmal denke ich, dass wir in unserer jüngsten deutschen Geschichte auch knietief im Treibsand feststecken. Alte östliche und westliche Vorurteile werden durch ständiges Wiederholen nicht zu zukunftweisenden Erzählungen.
Mir scheint, dass wird besonders durch die aktuell bevorstehenden Wahlen in drei östlichen Bundesländern wie im Treibsand feststecken. Eine absolute Mehrheit der AfD ist in Sachsen-Anhalt nicht ausgeschlossen. Die Folge wäre eine weitere politische und gesellschaftliche Polarisierung. Eine Verschiebung der politischen Kultur. Die Menschen in Deutschland würden ärmer werden – wirtschaftlich und kulturell. Allgemein im Hinblick auf die freiheitlich-demokratische und rechtliche Ordnung und ganz persönlich im Hinblick darauf, ob man in diesem Land dann noch leben will.
Jeder Dritte oder vielleicht sogar schon jeder Zweite ist bereit, sehenden Auges mit der AfD den Weg in den Untergang einzuschlagen. Warum? Seit Wochen und Monaten versuchen Zeitgenossen in Talkshows, in Medien und politischen Analysen diese Frage zu beantworten. Schon klar, dass die Ursachen vielfältig sind und es einfache Antworten nicht gibt. Und es gibt viele unterschiedliche Antworten. Deshalb gebe ich gerne auch noch meine Antwort dazu, bei der es sich allerdings eher um eine Hypothese handelt.
Ich komme zurück auf den physikalischen und mythologischen Aspekt zum Treibsand. Könnte es sein, dass es im Zweifelsfall egal ist, ob man tatsächlich im Treibsand steckt oder (nur) die Angst hat, im Treibsand umzukommen? Dass der Mythos Treibsand stärker ist als die physikalischen Fakten? Dass der Mythos, in der alten DDR sei es alles in allem doch viel angenehmer gewesen als in der gesamtdeutschen Realität. Dass Verklärung stärker ist als Fakten? Und wenn es so wäre – warum? Könnte es sein, dass es um so etwas wie Selbstschädigung geht?
In der Psychoanalyse ist Selbstschädigung Ausdruck eines unerträglichen inneren Konfliktes. Für die Entwicklung eines Kindes ist eine sichere Bindung an die Eltern oder an die wichtigen ersten Beziehungspersonen überlebenswichtig. Sie sind eine sichere Basis. Hoffentlich sind die Bezugspersonen hinreichend liebevoll und zugewandt. Hoffentlich können sie ausreichend Sicherheit bieten. Hoffentlich kann Nähe ohne Verlustangst genossen werden. Hoffentlich ist genügend Freiraum für eigene Entwicklung da und Ermutigung, das eigene Leben zu gestalten. Dass die eigene Meinung ohne Angst gesagt werden kann und Gefühle frei erlebt und gezeigt werden können.
Wenn in der kindlichen Entwicklung dies nicht hinreichend erfahren wird, ist oft eine problematische Bindung dennoch wichtiger, als ihr Verlust. Sogar ein gewalttätiges und völlig liebloses Verhalten der Bezugspersonen wird eher entschuldigt, als die Beziehung in Frage zu stellen oder aufzugeben. Die Verlustangst kann zu selbstschädigenden Handlungen führen, indem ich mich selbst beschuldige und bestrafe oder meine Wut auf andere, auf Außenstehende oder auf „Umstände“ und „Verhältnisse“ richte.
Eine unsichere Bindung wird verstärkt, wenn ein Kind keinen Ausweg gezeigt bekommt oder sehen kann. Hilflosigkeit verstärkt den Druck – nach Innen und nach außen. In Richtung Selbstschädigung, Depression und Selbsthass oder in Aggression, Wut und Hass gegen andere.
Und diese Gefühle werden oft weitergegeben an die nächste und an die übernächste Generation. Die Bibel spricht davon, dass menschliches Fehlverhalten bis in die dritte und vierte Generation spürbar sein kann, während viele Tausend von verlässlichem, liebevollen und ermutigendem Verhalten profitieren können.
Könnte es sein, dass viele Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind in diesem Staat so etwas wie eine „sichere Bindung“ gespürt haben? Und selbst wenn es keine (Reise- und Meinungs) Freiheit gab, konnten die „Bezugspersonen“ dennoch (in Grenzen) stabile und sichere Lebensumstände garantierten.
Die DDR hat wenig länger als 35 Jahre bestanden. Nach weiteren 35 Jahren wird klar, dass diese Bindung nie ganz aufgehört hat. So wie die Bindung zu Eltern womöglich nie ganz aufhört, selbst wenn sie noch so problematisch war. Und sollte jemand anderes schlecht über diese Eltern sprechen, werden sie verteidigt, entschuldigt oder idealisiert.
Vielleicht ist es alles eine Frage angemessener Realitätswahrnehmung oder vielleicht auch ein fortdauernde Ablösungsprozess, der mehr oder weniger lange dauert und vielleicht auch nie wirklich endet. Dies allerdings ist eine Herausforderung für jede und jeden von uns. Unabhängig Ost und West.
Das Gute am Bild vom Treibsand ist: im Treibsand kann ein menschlicher Körper nie ganz versinken, da die physikalische Dichte des menschlichen Körpers geringer ist als die von Treibsand und der Körper am Ende wie auf Wasser „schwimmt“. Aber steckt man erst einmal fest – oft dann, wenn man sich zu sehr abgestrampelt hat - dann kann es tatsächlich auch gefährlich werden. Wenn man einmal in den Griff des Treibsandes geraten ist – auch wenn nur knietief – schnürt der Druck des Sandes die Blut- und Sauerstoffzufuhr des Gewebes ab. Selbstbefreiung ist nicht möglich. Es braucht eine Handlung von außen. Das könnte im Hinblick auf eine extrem rechte, verfassungsfeindliche Partei ihr Verbot sein. Dafür ist es nicht zu früh.
Bienenbüttel, den 1. September 2026
Kurt Jürgen Schmidt