Es fällt schwer, zuversichtlich zu sein. Die Weltlage: der Krieg bei uns in Europa, im Nahen Osten, im Sudan, um die Straße von Hormus. Die Klimaveränderung: Europa wird davon am meisten betroffen sein. Die stagnierende Wirtschaft in Deutschland. Die steigenden Temperaturen und die sinkenden Umfragewerte für die SPD. So ist es. Man kann sich da nichts vormachen. Was hilft?

Vielleicht das Märchen von Hans im Glück? Nach langer, harter Arbeit bekommt Hand am Ende seinen Lohn ausgezahlt. Einen Klumpen Gold. Vielleicht eher Goldnuggets. Auf seinem Weg nach Hause begegnen ihm viele raffinierte Zeitgenossen, die ihn übervorteilen. In seiner Gutgläubigkeit geht Hand mehrere Tauchhandel ein. Immer zu seinem Nachteil. Am Ende hat er nur noch zwei Schleifsteine, die schließlich in einen tiefen Brunnen fallen. Und nun nimmt das Märchen ein verrücktes Ende: Hans geht erleichtert und glücklich heim zu seiner Mutter.

Man könnte das Märchen als Warnung vor unglaublicher Naivität verstehen und als Aufforderung, seinen Verstand nicht an der Garderobe abzugeben. Könnte man Hans  als glücklichen Menschen bezeichnen? Geht es im Märchen um Umdeutung? Verlust als Gewinn an Freiheit zu betrachten?

Ist Hans ein unverbesserlicher Optimist? Optimismus beruht auf der Kalkulation, dass es am Ende für mich gut ausgeht. Aber vielleicht ist es auch kindlich naiv auf das Gute zu vertrauen. So wie gegenüber der Mutter, die ihr Kind mit allem versorgt? Erwachsensein ist anders. Muss durch die harte Schule des Lebens gehen. Naiver Optimismus kann leicht in Pessimismus und Resignation umschlagen. Oder in gänzlich unvernünftiges, geradezu selbst schädigendes Verhalten. Ein Beispiel? Dass so viele Arbeiter inzwischen die AfD wählen, obwohl sie von dieser Partei nichts, aber auch gar nichts Gutes für sich erwarten kann.

Der amerikanische Psychologe Martin Seligmann hat mit der von ihm begründeten „positiven Psychologie“ ein Konzept für eine grundsätzlich positiven Lebenseinstellung entwickelt. Ein Konzept „gegen die erlernte Hilflosigkeit“. Das heißt, wer sich einer, als unabänderlich gesehenen Situation hilflos ausgeliefert sieht – zum Beispiel gegenüber autoritären, rechthaberischen, gewalttätigen Autoritätsfiguren – entwickelt – statistisch gesehen – öfter eine Haltung der Antriebslosigkeit und Passivität (und einer eher passiven Aggressivität). Seligmann schlägt vor, seine Interpretationsmuster zu ändern und  zum Beispiel die Schuld nicht ständig bei sich selbst zu suchen. (Das wäre doch auch ein Vorschlag für uns als SPD!).

Einige Psychotherapeuten schlagen vor, wie Hans im Glück jeden fatalen Tausch als Gewinn umzudeuten. Bis hin zu der Mantra mäßig geäußerten Selbstbehauptung: Ich kann alles schaffen, wenn ich nur will. Jedes Scheitern wird umgedeutet als neue Herausforderung und Chance. Es ist eine Art Technik des Zuversicht-Haben-Wollens, aber noch keine Zuversicht.

Bei Hans im Glück geht es in einem tieferen Sinne vielleicht um die Kunst des bewussten und selbst entschiedenen Loslassens. Fakten werden nicht geleugnet. Elende Verhältnisse  nicht schön gefärbt. Probleme  nicht verharmlost. Aber Loslassen-können kann auch befreiend sein. Vor allem von eigenem Erwartungsdruck, sich immer wieder selbst optimieren zu müssen. Die Angst vor eigenem Scheitern und Verlieren sollte nicht díe Oberhand über uns gewinnen. Auch nicht die Angst vor Veränderung.

Dies alles im Hinblick auf unsere individuellen Möglichkeiten, ein gutes Leben zu führen – trotz allem!  Aufs Ganze gesehen aber geht es um das Überleben der Menschheit und unseres Planten.

Da ist  die rasant fortschreitende technologische Entwicklung und das damit Vertrauen in die Innovationskraft des Menschen, aber auch die Angst, dass wir es nicht schaffen werden, die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen zu verhindern.

Es geht um das Vertrauen in die Wissenschaft, dass sie uns vor der Selbstzerstörung retten kann. Wird es gelinngen, die Menschheit zur Einsicht zu bringen, bevor sie sich vernichtet? Anders gefragt: Ist der Mensch vor allem ein mit Vernunft begabtes Wesen oder doch eher ein Naturwesen, das nimmt, was es kriegen kann ohne die langfristigen Folgen zu bedenken? Stichwort: Raubtierkapitalismus. Stichwort Klimaleugnung.

Der große marxistische Philosoph Ernst Bloch schreibt: „Nur wir selbst sind noch Hebel und Motor um…mit unserem Leid gegürtet, mit unserer trotzigen Ahnung, mit der ungeheuren Gewalt unserer Menschenstimme... nicht eher zu ruhen, als bis sich unsere innersten Schatten unterworfen haben...“ Menschliches Elend wird hier nicht geleugnet, sondern geradezu als Kraft gedeutet, um „mit trotziger Ahnung“ unsere Schattenseiten zu besiegen. Bloch spricht nicht von selbstbewusstem Wissen, sondern von einer Ahnung. Ich interpretiere: dass sich alles zum Guten wendet. Und er formuliert dies nicht als Wunsch oder Bitte, sondern als Ausdruck von Trotz. Das heißt mit einer Haltung des bewussten Widerstandes.

Und dann schreibt Bloch, ganz Marxist: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende Mensch . Hat er sich erfasst, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ Heimkommen an dem Ort, mit dem sich unsere Hoffnungen verbinden. Beides: Ursprung und Ziel. Der Ort, an den Hans im Glück zurückfindet. Bei ihm ist es die Mutter als Symbol für bedingungslose Liebe.. Religiös wäre es Gott, als unbedingte Bezugsgröße und letzte Geborgenheit.

Aus meiner Sicht hat die SPOD die Arbeiterklasse nicht von ungefähr verloren. Weil es die Arbeiterklasse im klassischen, herkömmlichen Sinne der „Malocherklasse“ ganz weitgehend so nicht mehr gibt. Warum? Weil es nicht mehr nur darum geht, den Besitz an Produktionsmitteln den gerechten Lohn entgegen zu setzen. Durch eigener Hände Arbeit kann niemand reich werden, aber oft auch nicht mehr halten, was man hat.

Die künstliche Intelligenz und die unaufhaltsam fortschreitende Robotnik fordert dazu heraus, den Begriff und den Wert der Arbeit völlig neu zu definieren. Die von Elon Musk phantasierte Zukunft des Menschen ist völlig losgelöst vom Begriff der Arbeit. KI erschafft den Menschen und seine Bestimmung in dieser Welt neu: befreit von aller „Arbeit im Schweiße des Angesichts“. Statt dessen: erlöst und eingeladen, das Leben zu genießen – und sich dieser Idee hinzugeben oder auszuliefern. Einer schönen neuen Welt unter der Kontrolle einer neuen Machtelite der Multimilliardäre – und nicht mehr der Politiker. Wie schwer – und womöglich aussichtslos – es sein wird, den Überreichen auch nur das Geringste wegzunehmen zeigt sich in der Reaktion der extrem Konservativen in Politik und Wirtschaft.

In wenigen Wochen wird wieder gewählt. Bei uns sind es die Kommunalwahlen. Die bundesweit sinkenden Umfragewerte der SPD sollten uns nicht herunterziehen. Sondern im Gegenteil: Wir sollten eine trotzige Zuversicht bewahren – uns zeigen. Die sozialdemokratische Idee ist nämlich keineswegs verloren. Die Idee von Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität ist tief verwurzelt im Menschen. Diese Idee muss allerdings immer wieder beackert, gepflegt werden. Und zum Blühen und Fruchtbringen gebracht werden. Wir sind dabei. Und das ist gut so.

Bienenbüttel, August 2026

Kurt Jürgen Schmidt

 

Kurt Jürgen Schmidt